06/11/2019 von Hagen Bottek

Wurde bisher davon ausgegangen, dass für Frauen als Betroffene von häuslicher Gewalt ein entsprechendes Unterstützungsangebot vorgehalten werden muss, rücken seit einigen Jahren nun auch die Männer in den Focus. Dazu gibt es einige gute Gründe. Grundsätzlich wird dem Thema „Gewalt“ und speziell auch den Thema„ häusliche Gewalt“ mehr Aufmerksamkeit zu teil. Unterschiedliche Studien untersuchten in den letzten Jahren die Thematik „Gewalt gegen Frauen“, „Gewalt gegen Kinder“, „Gewalt in Partnerschaften“, „Gewalt gegen ältere Familienangehörige im Pflegefall“ und andere mehr. Durch die veränderte Rechtsprechung bei häuslicher Gewalt, also die Einführung des Gewaltschutzgesetzes, der Kinderrechtskonvention und des Istanbuler Vertrages sind nun gesetzliche Regelungen zum Schutz vor häuslicher Gewalt für Frauen aber auch für Familienangehörige beschlossen worden. Bundesländer haben in Fach-Arbeitsgruppen mit unterschiedlichen Akteuren aus Politik, Polizei, Frauenschutzarbeit, freien Trägern der sozialen Arbeit „Handlungsleitlinien bei häuslicher Gewalt“ erarbeitet. Damit wird eine politische und damit auch gesellschaftlich veränderte Haltung in die Öffentlichkeit getragen. Des Weiteren wurde durch öffentliche Kampagnen wie „Nein heißt nein“ oder „Me Too“ nochmal sehr deutlich auf die Themen „Gewalt gegen Frauen“ und „Gewalt in abhängigen Beziehungskontexten“ hingewiesen. All dies führte zu einer Sensibilisierung beim Thema häusliche Gewalt. Das nun auch Männer als Betroffene von häuslicher Gewalt und Stalking stärker in den Blick genommen werden, ist daher ein logischer und notwendiger Schritt.
Männer wissen schon lange, dass sie nicht nur Gewalt austeilen sondern immer wieder auch Opfer von Gewalt werden. Gerade bei Gewalt in der Öffentlichkeit stehen Männer als Opfer an erster Stelle. In den Statistiken zu Gewalt führen Männer als Betroffene mit Ausnahme der häuslichen Gewalt und sexualisierter Gewalt alle anderen Bereiche an. Und wer kennt nicht die Figur des Pantoffelhelden, bei denen der Freundes- und Bekanntenkreis abfällig über den Mann und „seine Schwäche gegenüber seiner Ehefrau“ lästert. In gleichgeschlechtlichen männlichen Partnerschaften gibt es schon lange die Erfahrung, dass auch da Gewalt in Partnerschaften eine Rolle spielt und Männer sehr wohl „Opfer von Partnerschaftsgewalt“ sind. Die polizeiliche Jahresstatistik zu häuslicher Gewalt in Thüringen nennt für das Jahr 2017 insgesamt 556 männliche Opfer und für das Jahr 2018 insgesamt 645 männliche Opfer.
Insofern stell sich für uns als Mitarbeiter_innen des Projekt A4 nicht die Frage, ob es ein Angebot für männliche Opfer von häuslicher Gewalt & Stalking geben sollte. Wir denken, dass allen Opfern von häuslicher Gewalt ein Anspruch auf Schutz vor weiterer Gewalt, Anerkennung ihres Unglücks und Beratung in der aktuellen Lebenssituation zustehen und angeboten werden sollte. Unabhängig von Herkunft, Alter, sexueller Orientierung und eben auch Geschlecht.06/11/2019